Wozu Sie die Normalwerte Ihres Tieres kennen sollten
Wer weiß, wie sich sein Tier im gesunden Zustand anfühlt und anhört, erkennt Veränderungen früher – und kann am Telefon mit der Tierarztpraxis konkrete Angaben machen. Messen Sie deshalb am besten einmal in Ruhe, wenn Ihr Tier gesund ist, und notieren Sie die Werte, etwa auf der Notfallkarte. Die Bereiche in der Tabelle sind Durchschnittswerte; einzelne gesunde Tiere liegen etwas darüber oder darunter.
Fieber messen: nur im After zuverlässig
Die Werte in der Tabelle gelten für die Messung im After (rektal). An anderen Stellen gemessene Werte lassen sich damit nicht vergleichen.
- Digitales Fieberthermometer einschalten, die Spitze mit Vaseline oder Gleitgel einfetten.
- Am besten zu zweit: Eine Person hält das Tier ruhig und beruhigt es, die andere hebt den Schwanz an.
- Das Thermometer vorsichtig und leicht drehend einführen – beim Hund etwa zwei bis drei Zentimeter, bei Katzen und kleinen Hunden weniger.
- Warten, bis das Thermometer piept, ablesen, danach reinigen und desinfizieren.
Nach Aufregung oder Bewegung kann die Temperatur leicht erhöht sein. Messen Sie dann nach einer Ruhepause noch einmal. Deutlich höhere oder niedrigere Werte sollten Sie tierärztlich abklären lassen – besonders, wenn Ihr Tier zusätzlich matt wirkt oder nicht frisst.
Puls fühlen: an der Innenseite des Oberschenkels
Den Puls fühlen Sie am besten an der Innenseite des Hinterbeins, dort wo der Oberschenkel in den Bauch übergeht. Legen Sie Zeige- und Mittelfinger flach in die Mulde und drücken Sie nur leicht – mit dem Daumen würden Sie Ihren eigenen Puls spüren. Alternativ können Sie den Herzschlag an der linken Brustwand direkt hinter dem Ellbogen fühlen oder hören.
Zählen Sie 15 Sekunden lang und nehmen Sie die Zahl mal vier – oder nutzen Sie die Zähl-Hilfe oben. Das Tier sollte dabei entspannt liegen. Bei Katzen gelingt das zu Hause meist besser als in der Praxis, wo Aufregung die Herzfrequenz deutlich erhöht.
Atemzüge zählen – und die Schlafatemfrequenz
Beobachten Sie den Brustkorb oder die Flanke: Einmal Heben und Senken ist ein Atemzug. Hecheln zählt nicht – warten Sie, bis Ihr Hund ruhig atmet.
Besonders aussagekräftig ist die Atemfrequenz im Schlaf. Studien, in denen Tierhalter zu Hause gezählt haben, fanden bei gesunden erwachsenen Hunden im Mittel etwa 13 bis 15 Atemzüge pro Minute im Schlaf; kein Hund lag im Mittel über 23 (Rishniw und Kollegen, 2012). Gesunde Katzen lagen im Mittel bei rund 21 und durchweg unter 30 (Ljungvall und Kollegen, 2014). Auch Hunde und Katzen mit gut eingestellter Herzschwäche hatten meist Werte unter 30 (Porciello und Kollegen, 2016).
Deshalb bitten viele Tierarztpraxen die Halter von Herzpatienten, die Schlafatemfrequenz regelmäßig zu zählen. Welcher Grenzwert für Ihr Tier gilt und was bei einer Überschreitung zu tun ist, legt Ihre Praxis fest. Die Autoren der Katzenstudie empfehlen, Katzen mit mehrfach gemessenen Werten über 30 genauer untersuchen zu lassen. Zählen Sie dafür eine volle Minute oder zweimal 30 Sekunden, während Ihr Tier tief schläft und nicht träumt – die Studien haben jeweils eine Minute gezählt.
Schleimhäute und kapilläre Rückfüllzeit prüfen
Heben Sie die Lefze an und schauen Sie auf das Zahnfleisch über den Eckzähnen. Gesund ist es rosa. Bei manchen Hunden ist es von Natur aus dunkel pigmentiert – dann eignet sich die Innenseite des unteren Augenlids besser. Laut MSD-Manual deuten blasse oder weiße Schleimhäute auf Blutarmut oder Schock hin, bläuliche oder schmutzig-graue auf Sauerstoffmangel, gelbliche auf eine Gelbsucht.
Für die kapilläre Rückfüllzeit drücken Sie mit einer Fingerkuppe kurz auf das rosa Zahnfleisch, bis die Stelle weiß wird, und lassen los. Normal ist, dass die Farbe innerhalb von ein bis zwei Sekunden zurückkehrt. Dauert es länger, ist die Durchblutung schlecht – ein Warnzeichen. Eine auffällig schnelle Rückfüllung kann laut MSD-Manual zum Beispiel bei Fieber oder Hitzschlag vorkommen.
Trinkmenge: Richtwert und Warnzeichen
Wie viel ein Tier trinkt, hängt stark vom Futter ab: Wer Nassfutter bekommt, nimmt einen großen Teil des Wassers schon mit der Nahrung auf. In einer kleinen Studie mit Katzen sank die getrunkene Menge, je feuchter das Futter war (Buckley und Kollegen, 2011). Einen festen „richtigen“ Wert fürs Trinken gibt es deshalb nicht.
Als grobe Orientierung für den gesamten Flüssigkeitsbedarf nennt das MSD-Manual die Formel 30 ml × Körpergewicht in kg + 70 ml pro Tag (für Tiere von 2 bis 70 kg). Für einen 10-kg-Hund ergibt das etwa 370 ml, für eine 4-kg-Katze etwa 190 ml – Wasser aus dem Futter eingerechnet.
Beim Hund spricht man in der Fachliteratur ab mehr als 100 ml pro kg Körpergewicht am Tag von vermehrtem Trinken (Polydipsie). Wichtiger als eine einzelne Zahl ist aber die Veränderung: Trinkt Ihr Tier über mehrere Tage deutlich mehr als sonst, ohne dass es heißer ist oder das Futter gewechselt hat, lassen Sie das abklären. Das gilt besonders für Katzen, die normalerweise wenig trinken. Vermehrtes Trinken kann auf Erkrankungen etwa der Nieren oder des Hormonhaushalts hinweisen – die Ursache findet nur die Praxis. Zum Messen füllen Sie morgens eine abgemessene Menge in den Napf und messen abends nach, was übrig ist.
Harnabsatz
Für die Harnmenge nennen unsere Quellen keinen Wert, der sich zu Hause sinnvoll prüfen ließe. Achten Sie auf Veränderungen: deutlich größere Pfützen oder Klumpen im Katzenklo, häufiges Absetzen kleiner Mengen, Blut im Urin, Unsauberkeit oder Pressen. Kann ein Tier gar keinen Urin absetzen, ist das ein Notfall. Laut MSD-Manual sind Kater wegen ihrer engen Harnröhre besonders gefährdet; ein Verschluss der Harnröhre kommt auch bei Rüden vor und muss sofort behandelt werden.
Wann Sie zum Tierarzt sollten
Rufen Sie sofort Ihre Praxis oder den Notdienst an, wenn Ihr Tier schwer atmet, blasse oder bläuliche Schleimhäute hat, zusammenbricht, krampft, keinen Urin absetzen kann oder Sie eine Vergiftung oder einen Hitzschlag vermuten. Werte außerhalb der Bereiche ohne weitere Anzeichen sind kein Grund zur Panik, sollten aber in Ruhe wiederholt und bei Bestätigung tierärztlich besprochen werden. Die Zähl-Hilfe auf dieser Seite vergleicht nur mit Durchschnittswerten – sie stellt keine Diagnose.
Hinweis zu Welpen und Kitten: Ihre Herz- und Atemfrequenz liegt höher als bei erwachsenen Tieren. Unsere Quellen nennen dafür keine verlässlichen Bereiche, deshalb stehen hier keine Zahlen. Fragen Sie im Zweifel Ihre Tierarztpraxis.